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Interview
mit einem DIY Punk Aktivisten aus St. Petersburg

Im August reiste ich zusammen mit
einem Freund mit dem Rucksack ins westliche Russland. Wir hatten die diffuse
Vorstellung von einem Land, in denen alternative, insbesondere linke Subkulturen
einer vielfältigen, massiven Bedrohung ausgesetzt sind. Die Nachrichten
bei indymedia über von Boneheads
abgestochene Punks, die Schilderungen von Bands, die ihre Konzerte verdeckt
organisieren müssen und die Berichte über die Verflechtung von
Polizeiapparat und militanten Faschisten prägten dieses Bild.
Wir waren dementsprechend überrascht, wie viele „alternativ“
aussehende Jugendliche man in westrussischen Grosstädten sieht. In
St. Petersburg bot sich schliesslich die Gelegenheit, uns mit Szarapow
zu unterhalten, der seit Jahren in der DIY Punk Szene aktiv ist. Er hat
verschiedene Fanzines herausgebracht, organisiert Konzerte, arbeitet derzeit
am Aufbau einer anarchistischen Internetplattform, betreibt ein kleines
Label und spielt selbst in der Band Svinokop.
Du hast mit Svinokop gestern auf einem
Konzert hier in St. Petersburg gespielt, das von der Band Crowd Control
organisiert wurde. Der Rahmen in dem es stattfand, war aus unserer Sicht
eher ungewöhnlich: Es war ein Treffpunkt an einer Metro-Haltestelle
vereinbart, von wo aus alle gemeinsam zum eigentlichen Konzertort gegangen
sind, einer leerstehenden Bauruine in einem Außenbezirk. Ist es
die Regel, dass Konzerte hier verdeckt und illegal organisiert werden?
Nein, das wird auch hier nur manchmal so gemacht.
Normalerweise finden Konzerte hier in kommerziellen Rock-Clubs statt oder
es werden irgendwelche beschissenen Vorstadtkneipen für Konzerte
angemietet. Aber manchmal wird eben auch so ein illegaler Rahmen gewählt,
v.a. wegen der Atmosphäre.
Das Konzert gestern wurde also nicht verdeckt
organisiert, weil die Situation in der Stadt für politische DIY Konzerte
irgendwie bedrohlich ist?
Das weiss ich auch nicht so genau. Das solltest
Du sie Leute fragen, die das Konzert organisiert haben, ich selbst habe
ja nur dort gespielt. Aber ich denke, es macht vor allem mehr Spass, ein
Konzert in dieser Weise zu organisieren: Es gibt keine Security, du kannst
Feuer machen, etc.
Ich vermute, ein Grund für diese Form der Organisierung war aber
auch, dass die Band Crowd Control bekannt dafür ist, Teil der antifaschistischen
Bewegung zu sein. Wäre das Konzert öffentlich angekündigt
worden, wäre es denkbar gewesen, dass Faschisten angegriffen hätten.
(...) Aber eigentlich glaube ich nicht wirklich, dass die hiesigen Nazis
so selbstmörderisch sind, ein Punk-Konzert anzugreifen. Manchmal
werden Punks angegriffen wenn sie alleine oder in kleinen Gruppen auf
dem Hin- oder Rückweg von einem Gig sind, aber das passiert eher
im Stadtzentrum. Dort haben die Nazis dann einfach mehr Möglichkeiten,
nach einem Angriff in der Masse der Leute zu verschwinden.
Generell finden derartig viele Punkkonzerte hier in St. Petersburg statt
(2-3 pro Woche), dass die Nazis schlechterdings jeden Gig angreifen können.
Sowohl die Nazis als auch die Bullen konzentrieren sich also dann vielleicht
eher auf Konzerte von politischen Bands wie Crowd Control oder Komatoz.
Denn einige von deren Mitgliederen wurden eben schon im Umfeld von Aktionen
festgenommen oder sind schlicht dafür bekannt, antifaschistische
oder anarchistische Aktionen zu organisieren.

(Zorka in St. Petersburg
24.08.2008)
Ist es denn eine Besonderheit in St. Petersburg,
dass hier recht viele Punk-Konzerte stattfinden und dass die Situation
verhältnismässig entspannt ist? Wie schätzt du die Situation
in anderen Städten, insbesondere in Moskau ein?
Ich weiss nicht, so viel komme ich innerhalb Russlands
auch nicht herum. Ich würde sagen, in Moskau spielen die meisten
Underground / DIY Punk Bands in letzter Zeit ausserhalb der Stadtgrenze.
Clubs machen mittlerweile keine Punk-Konzerte mehr, weil die Gefahr gegeben
ist, dass es zu Gewalt kommt: Im Früjahr diesen Jahres wurde dort
ein Antifaschist bei einem geplanten Überfall erstochen, als er auf
dem Weg zu einem Konzert war. Ähnliches passierte vor ca. 2 Jahren
schon einmal.
Gleichzeitig denke ich, dass es bei Punk/ Hardcore Kids in Moskau irgendwie
verbreiteter ist, auf der Strasse zu trinken oder auch die Konzertläden
zu zerlegen. In St. Petersburg scheint es mir so, als wäre die Szene
da reflektierter. Klar, hier werden auch die Wände zugetaggt und
Flaschen landen mal auf dem Gehweg, aber es nimmt selten solche Ausmaße
an, wie man es in Moskau manchmal sehen kann. Es gibt z.B. diesen Laden
in Moskau, der mit der anarchistischen Bewegung verbunden ist, den Jerry
Rubin Club. Dort machen sie nun gar keine Hardcore Konzerte mehr, weil
BesucherInnen regelmässig die Inneneinrichtung zerlegt oder den NachbarInnen
die Vorgärten zugepisst haben. (...)
In jenen kleineren Städten hier in Russland, in denen es eine aktive
Underground/ DIY Punk- Szene gibt, werden die Konzerte normalerweise eher
klandestin / heimlich organisiert. Dort wird dann irgendein Loch angemietet
und es wird nur über Mund-zu-Mund Propaganda innerhalb des Freundeskreises
bekannt gemacht. Vor ein paar Jahren haben Nazis ein Punk-Konzert in der
Kleinstadt Volzhskiy angegriffen, in der Nähe von Volgograd. Als
sich die BesucherInnen des Konzerts verteidigten, wurde ein Nazi so schwer
verletzt, dass er später im Krankenhaus starb. Eine sehr ähnliche
Geschichte passierte im Jahr 2000 in Moskau, als Faschisten ein Konzert
der Skapunk-Bands Spitfire und Distemper angegriffen haben. Dort starb
ein 18-jähriger Nazi an Messerstichen.
An diesen Fällen sieht man sehr gut den zentralen Unterschied in
der Gewaltanwendung: In den Fällen, wo Nazis durch AntifaschistInnen
zu Tode kamen, handelte es sich um Selbstverteidigung, um das Zurückschlagen
eines Angriffs, der von Naziseite ausging. Wenn Punks oder AntifaschistInnen
getötet werden, sieht es hingegen normalerweise so aus, dass 12 organisierte
Nazis mit Messern bewaffnet eine Kleingruppe angreifen, die durch die
Stadt spaziert. Das erklärt die hohe Zahl an toten AntifaschistInnen,
der nur eine kleine Zahl toter Nazis gegenüber steht.
In St. Petersburg ist die Situation also
deshalb entspannter, weil das Zahlenverhältnis zwischen Antifas /
Punks auf der einen und Neonazis auf der anderen Seite es den Nazis nicht
erlaubt, Konzerte regelmäßig anzugreifen?
In St. Petersburg ist es wohl eher so, dass die
Nazis in den Strassen „patroullieren“ und Leute angreifen,
die sie als Antifas identifizieren oder die vermeintlich aus Asien, Afrika
oder dem Nordkaukasus stammen. Über die tatsächliche Grösse
der Naziszene hier kann ich nicht wirklich etwas sagen, ich verfolge die
Entwicklungen da nicht im Detail.
Bei dem Konzertreffpunkt an der Metro gestern
kam es ja z.B. zu einem Zwischenfall, als ein Passant anfing, die Punks
zu beschimpfen. Irgendwann im Laufe der Auseinandersetzung bekam er dann
eine Ladung CS-Gas ins Gesicht. Wie sieht es denn generell mit Vorurteilen
oder Aggressionen vonseiten der „Normal“bevölkerung aus?
Naja, seit bestimmt 10 Jahren wurde ich nun nicht
mehr wegen meiner Ohrringe als Schwuchtel o.ä. beschimpft. Es ist
mittlerweile eben auch zumindest in den russischen Grosstädten verbreitet,
dass Jugendliche Ohrringe, Piercings oder Tattoos tragen. Dennoch glaube
ich kaum, dass z.B. offene Homosexualität von der Mehrheitsgesellschaft
hier toleriert würde.
Auch Rassismus und „Fremden“feindlichkeit ist in der Gesellschaft
sehr weit verbreitet. Also sind nicht Subkulturen in erster Linie das
Objekt von Vorurteilen und Ausgrenzung, sondern eher Leute aus Aserbaidschan,
Mittelasien, Usbekistan oder so. Die Gewalt der Neonazis ruft hier in
weiten Teilen der Gesellschaft zwar vordergründige Empörung
hervor, das bedeutet aber nicht, dass eine „fremden“feindliche
Grundhaltung oder auch antisemitische Tendenzen bei der Mehrheit nicht
weit verbreitet sind. (...)
Existiert neben der unkommerziellen DIY
Punkszene auch so etwas wie eine kommerzielle Punk-Kultur in St. Petersburg?
Ja, klar. Auf dem Sex Pistols Gig hier im Juni
-bei dem ich übrigens selbst war und der brillant war- waren allerdings
z.B. „nur“ 2300 Leute, was nicht unbedingt viel ist. Als Exploited
vor 10 Jahren hier gespielt haben, war das Publikum ungefähr doppelt
so gross. Vielleicht sterben also hier auch die Altpunks so langsam aus.
Es gibt aber auch hier kommerzielle Bands, die in Stadien spielen und
eher Melody-Core o.ä. machen. Oder eben alte Punk-Bands aus den Anfangsjahren,
die heute auch grössere Hallen füllen.
Du hast mal eine Zeit lang in Australien
gelebt und warst auch mehrfach in Westeuropa. Gibt es deiner Wahrnehmung
nach grosse Unterschiede zwischen den DIY HC / Punk Szenen dort und hier,
z.B. im Hinblick auf Sexismus o.ä.?
Ja, ich denke derartige Themen werden in Australien
oder auch Westeuropa wesentlich mehr thematisiert als in Russland. Hier
fängt man gerade erst an zu begreifen, was diese Dinge bedeuten.
Ich würde sagen, dass einer der Hauptunterschiede darin besteht,
dass es in der sog. „westlichen Welt“ eine gewisse Kontinuität
in der anarchistischen Ideengeschichte gibt, während der sog. “Kommunismus“
in Russland die anarchistische Bewegung in den 1920er und 30er Jahren
weitgehend ausgelöscht hat. In Westeuropa, den USA oder Australien
gibt es hingegen Projekte mit jahrzehntelanger Geschichte. Als offen bekennender
Anarchist wurdest du dort eben nicht in jedem Fall ins Gefängnis
geworfen, sondern hattest im Gegensatz zur Situation hier in Russland
z.B. die Gelegenheit, Bücher zu veröffentlichen. Erst jetzt
werden viele dieser Bücher hier in Russland veröffentlicht,
erst jetzt finden einige der Ideen hier Anklang und es bilden sich feste
politische Zusammenhänge.
Ähnliches gilt für die DIY Szene: In Westeuropa gab es schon
in der 1960er / 70er Jahren alternative Musikszenen wie Proggare in Schweden,
die Hippies sonstwo oder auch die HausbesetzerInnen-Bewegung Westdeutschlands
mit Bands wie Ton Steine Scherben. So etwas gab es hier nicht, selbst
die ersten Rock-Clubs entstanden erst Anfang der 1990er Jahre.
Das heisst, wir haben hier heute viel weniger gewachsene Infrastruktur.
Hier gibt es nicht in jeder grösseren Stadt ein Jugendzentrum wie
bei euch in Deutschland. Es gibt auch nicht genügend Leute und Ressourcen,
um Dinge wie Infoläden, Zeitschriften u.ä. auf die Beine zu
stellen. Die Zeitung „Abolishing the Borders from Below“ (internationales
Anarchomagazin mit Beiträgen aus ganz Osteuropa) wird ja z.B. auch
von einem Kollektiv herausgebracht, welches in Berlin sitzt. Das liegt
wohl auch daran, dass in keiner osteuropäischen Stadt die nötige
Infrastruktur hierfür vorhanden wäre.
Die Homepage von Szarapows Vertrieb und seiner
Band findet sich unter http://svinokop.narod.ru
Seine Postadresse: dmitrij ivanov, po box 30,
st. petersburg-9, 195009, russia
Das
Interview wurde geführt von Peter und Daniel und ist im Trust
#132 (Okt./Nov. 08) erschienen.
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